Perspektiven

Perspektiven – eine Kolumne in „Christ-sein heute“

aus: Oktober 2009

Es ist an einem frühen Januarmorgen in Washington D.C.,der Hauptstadt der Vereinigten Staaten von Amerika.  In der Nähe einer U-Bahn-Station steht ein Mann mit der Violine spielt sechs Bachstücke, ca. 45 Minuten lang. Während dieser Zeit gehen über tausend Menschen durch die Metro-Station, die meisten auf ihrem Weg zur Arbeit. Nach drei Minuten nimmt ein Mann mittleren Alters Notiz von ihm. Er verlangsamt seinen Gang und hält für ein paar Sekunden um dann weiter zu eilen. Nach vier Minuten erhält der Violinist seinen ersten Dollar in den aufgeklappten Geigenkasten. Eine Frau wirft das Geld hinein und führt ihren Weg ohne zu halten fort. Nach sechs Minuten lehnt sich ein junger Mann gegen eine Mauer um ihm zuzuhören, schaut dann auf seine Uhr und geht weiter.

Nach zehn Minuten hält ein dreijähriger Junge an, aber seine Mutter zerrt ihn zum Weitergehen. Das Kind stoppt dennoch, um noch einmal zum Violinisten zu sehen, aber die Mutter zieht stärker und das Kind folgt, während es den Kopf immer wieder herumdreht. Diese Verhaltensweise wurde von verschiedenen anderen Kindern wiederholt. Alle Eltern, ohne Ausnahme, drängten oder zogen ihre Kinder, schnell weiterzugehen. Nach 45 Minuten beendet der Musiker sein Spiel. Stille kehrt ein. Keiner nimmt Notiz davon. Kein Applaus, keine Anerkennung. Nur sechs Personen hatten gehalten um zu hören – jeweils für eine kurze Zeit. 20 Personen gaben Geld, gingen aber in ihrer normalen Geschwindigkeit weiter. Der Mann sammelte 32 Dollar.

Keiner wusste es, aber der Violinist war Joshua Bell, einer der größten Musiker der Welt. Er spielte u.a. eines der anspruchvollsten Stücke, die jemals geschrieben wurden mit einer Violine im Wert von 3,5 Millionen US-Dollar. Zwei Tage zuvor spielte Joshua Bell in einem Bostoner Theater, in dem der Durchschnittspreis für einen Platz hundert US-Dollar betrug.

Das ist eine wahre Geschichte. Die Washington Post organisierte dieses Inkognito-Konzert von Joshua Bell in der Metrostation als Teil eines Experiments. Es ging um die Frage: Nehmen wir Schönheit in einem gewöhnlichen Ort und zu einer unangemessenen Stunde wahr? Halten wir an, um sie anzuerkennen? Entdecken  wir überhaupt Talent in einem unerwarteten Kontext? Eine sich aufdrängende Frage lautet: Wenn wir keine Zeit haben um anzuhalten und einem der besten Musiker in der Welt zuzuhören, wenn er eines der besten Musikstücke der Zeit auf einem der schönsten Instrumente, das je hergestellt wurde, zu spielen…. Wie viele andere Dinge verpassen wir sonst noch?

Es ist klar, dass kein Mensch morgens um sieben Uhr in seiner Metrostation derartig hochwertige Musik erwartet. Das Gehirn ist darauf nicht eingestellt und schaltet auf „Auto-Pilot“ auf dem Weg zu Arbeit, wo man ja pünktlich zu erscheinen hat. Das beeinflusst die Wahrnehmung. Unsere Erwartung oder nicht vorhandene Erwartung beeinflusst unsere Wahrnehmung. Es ist doch auch zu abstrus, dass ein Mann wir Joshua Bell am frühen Morgen dort spielt, oder?

Ist es nicht so, dass Jesus Christus vor 2000 Jahren auf ähnliche Weise „niedrig“ wurde, so niedrig, dass viele – bis heute – nicht Gott leibhaftig in ihm vermuten? Hat er damit nicht alle Erwartungen enttäuscht? Bis heute?

Könnte es sein, dass wir Jesus in unserem Alltag nicht erkennen, weil wir ihn in einer alltäglichen Umgebung nicht vermuten? Ist es nicht oft so, dass uns alles andere wichtig ist: Arbeit, Geld, Vorwärtskommen, Erlebnisse, emotionale Kicks, usw. …und wir auf dieser Jagd am Entscheidenden vorbeigehen? Einfach weil wir so mit dem anderen beschäftigt sind? Wie kommt es, dass Kinder so angezogen waren? Sie haben keinen Kalender. Sie nehmen das außergewöhnliche wahr. Sie lassen sich davon beeindrucken.

Die Geschichte von Joshua Bell hat mich angeregt, neu die Augen zu öffnen. Ich will mir bewusst Zeit nehmen, genauer hinzusehen. Ich will mehr und mehr lernen Gottes Schönheit auch im Unscheinbaren zu entdecken.

3 responses

5 04 2010
Hans Achterberg

Tja, das ist eine interessante Situation. Aber ist der Vergleich wirklich adäquat oder überhaupt korrekt? Oder ist das genau der Punkt, das Spiel mit der doppelten Realität?
Wenn ich die Menschen erreichen möchte als Musiker, würde ich sagen, dass ist wohl die falsche Musik an diesem Ort. Was bringt die schöne Musik, wenn die Menschen sie nicht verstehen oder ich sie damit nicht ansprechen kann. Wir kennen den Spruch, die Menschen abholen. Das hat aber Jesus Christus getan. Warum? Er hat sie erreicht, er hat sie berührt und angesprochen, in den unterschiedlichsten Situationen. Aber er hat auch unterschieden. Wie ist da die Situation bei uns Christen in den Gemeinden heute? Vieles ist bei uns abgehoben, statusgeprägt, pauschal, dogmatisch, schablonenhaft, widersprüchlich, hilflos, manchmal auch unehrlich….. Wie sieht der Anspruch aus und wie die Realität? Bei uns, nicht bei den anderen. Worauf achten wir, was sind die Kriterien? Erfolgszahlen oder Wahrhaftigkeit? Wieviel sind wir wirklich Representanten und Botschafter Christi, erfahrbar, sichtbar und echt? Sind wir nicht auch oft auf bestimmte Situationen fixiert, getrimmt oder spezialisiert in dieser oder jener Rolle und wundern uns hinterher, dass man fast achtlos vorbeigeht, vielleicht sogar kopfschüttelnd? Zuviel Kritik oder Frust? Nein, das soll es nicht sein und ist es auch nicht wirklich. Schließlich entstehen diese Gedanken aus den Eindrücken des Ostergeschehens und dieses Geschehen ist eben das Besondere, was aber jeden betrifft und für jeden gilt. Frohe Ostern!

4 05 2010
Heike

Gott sei Dank – ich hatte damals in meiner Ausbildungszeit in Hamburg öfter solche Erlebnisse. Mir war es egal, ob ich nun 10 oder 15 Minuten zu spät kam. Ich blieb stehen – und lausche.
Solche unerwarteten Genüsse reizen mich noch heute. Nichts und ich meine wirklich NICHTS kann so wichtig sein, wie etwas anderes als das Normale. Unterbrechung der alltäglichen Routine. Deshalb hatte der Film „Und täglich grüßt das Murmeltier“ eine besondere Bedeutung für mich :-). Ich pflege mein inneres Kind – denn es beschert mir häufig solche wundervollen Eindrücke. Mein Leben wäre dunkler, wenn ich sie nicht mehr wahrnehmen würde. Gott sei Dank für diese offenen Augen und Ohren des Herzens 🙂

15 01 2011
Helmut

So was ähnliches hab ich selber erlebt. In der Kölner Einkaufsmeile (für Ortskundige: Schildergasse) saß ein Mann mit einem Schild, das besagte, dass er ein berühmter Sänger sei (wenn ich mich richtig erinnere: Placido Domingo), und sang. Die Leute, die ihm zuhörten, waren sich uneins, ob ers nun ist oder nicht – die meisten waren skeptisch. Ich bin nach weniger als einer Minute weitergegangen, beim Rückweg hab ich nur sehr kurz angehalten.

Ein paar Wochen später beim Zappen im Fernsehen: ein Bericht über diesen Sänger, der tatsächlich in einer Art Experiment in der Fußgängerzone saß … das Schild hatte die Wahrheit gesagt, aber wer hats geglaubt?

Wobei: Ohne Mikrofon und Hintergrundmusik klang er weniger grandios als auf seinen Platten …

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